WKKF 03: Internate sind nur in Büchern lustig

Sven und ich waren von 1981 bis 1985 in einem katholischen Knabeninternat im Spessart. Das gibt es inzwischen nicht mehr, aber wir erinnern uns daran sehr gut. Denn leider sind wir Kinderbüchern wie die Burg Schreckenstein Reihe und Filmen wie „Das fliegende Klassenzimmer“ auf den Leim gegangen und glaubten als Sechstklässler, dass ein Internat Spaß, Spannung und Abenteuer bedeutet.

Junge, Junge! Haben wir uns da aber mal geirrt! Wir erzählen daher heute mal ausführlich, wie es uns dort ging, womit und mit wem wir alles zu kämpfen hatten, warum Sven seit damals vermeidet, Kritik gegen Personen zu richten, wie ich die Regeln geschlossener Systeme erkannte und wieso wir wahrscheinlich heute noch so gerne immer ein wenig subversiv sind sobald wir auf autoritäre Strukturen stoßen.

Irgendwann im letzten Drittel erzählen wir was über eine Space Shuttle auf ner Nikolausfeier. Dazu hab ich sogar noch ein Foto gefunden.

alo_nikolaus

 

13 Gedanken zu „WKKF 03: Internate sind nur in Büchern lustig

  1. Vielen Dank für Eure Eindrücke aus dem Internat! In vielen Punkten stimme ich Euch auch zu. Und vieles habt Ihr mir wieder ins Gedächtnis gerufen.

    Nicht vergessen sollte man aber auch, dass es für manche Mitschüler die deutlich bessere Alternative zum nichtintakten Elternhaus darstellte. Unabhängig davon hatte die Zeit dort (ich war dort von 1976-1985) aus meiner Sicht auch ihre positiven Seiten, beispielsweise gab es immer jemanden, mit dem man quatschen, diskutieren, spielen, Sport treiben oder auch musizieren konnte. Wer hat zuhause beispielsweise relativ leicht Zugriff auf Schlagzeug, Klavier, einen Bandprobenraum etc.? Wer hat zuhause eine Sporthalle, Theaterbühne, Fußballplatz, Tischtennisplatten, Tischfußball, Billardtisch oder eine Bibliothek? Auch in Sachen Sozialkompetenz konnte ich dort viel fürs Leben lernen, da wir ja mit den unterschiedlichsten Menschen auf engem Raum zusammenlebten.

    Nichtsdestotrotz: Wer zuhause ein funktionierendes Umfeld hat, braucht in der Regel kein Internat.

    Witzig fand ich die Schilderung der Nikolausfeier 1983. Ich habe allerdings in Erinnerung, dass die Föhngeschichte von mir initiiert wurde und ich auch das Mikrofon gehalten habe :-) Dazu haben wir Musik von Jean Michel Jarre gespielt, wenn ich mich recht erinnere…

    Viele Grüße!

    1. Stimmt, Musik von Jarre :) Du warst der Fön? Das ist ja lustig. Und Du hast Recht: Natürlich hat man da auch viel gelernt, ab der Neunten Klasse war es auch wesentlich unproblematischer und man hat uns – fast ein bisschen von einem Tag auf den anderen – wesentlich mehr zugetraut und Freiheiten gegeben. Dummerweise haben wir das Alo dann aber direkt verlassen. Wenn wir weiter dort gewesen wären, wäre das Urteil sicher weniger harsch ausgefallen. Die 5-8. Klasse war halt echt kein Spaß.

      1. Wohl wahr!
        Ich war auch nur von der fünften bis einschl. zur achten Klasse dort –
        und ab der neunten Klasse wäre es in den großen Schlafsaal gegangen ;)

  2. O.g. JM Jarre-Schallplatte war von mir und hatte danach einen Kratzer ;-)

    Und ich bin sehr bei Martin: rein statistisch ist die Anzahl derer „mit einem Hau“ (im Elternhaus oder sonstwie) in einem Internat grösser als woanders. Daher wundert es nicht, wie wenig es uns damals gewundert hat, wie „frei“ man mit dem Thema Gewalt war, auch untereinander.

    An meinem ersten Abend im Alo (1978-87) bekam ich von Gertrud eine gescheuert. Die Tatsache, von jemandem, der nicht meine Mam, ist geschlagen zu werden hat mich nachhaltig beeindruckt. Und bei P. Robert erinnere ich mich auch an Kopfnüsse und Ohrfeigen & etc., die er zT sichtlich nicht aus wohlüberlegter Pädagogik sondern aus Mangel an Selbstkontrolle verteilte.
    Dann die Story, wie „Verhalti“ (ein verhaltensauffälliger, schwächlicher 5/6-Klässler) von einem gut gebauten Kollegiaten aus Frust über was auch immer in die Turnhalle gezogen wird, dort auf den Anstosspunkt gesetzt / gestellt wird („Du bleibst da jetzt stehen“) um ihn dann mit einem gezieltem Basketballschuss umzuschiessen.

    Und neben vielem anderen, worauf mich Eure Beitrag brachte, erinnere ich das Highlight, beim (endlosen, bis alle ruhig waren) Warten auf das abendlich Nach-Tischgebet, wo P. Robert – aus welchem Grund auch immer – einen Ausraster bekam (= hochroter Kopf, bei Sommer inkl. von der untergehenden Sonne in seinem Rücken grellrot erleuchtete abstehende Ohren) und irgendwas mit Hans-Kasperle-Theater sagen wollte…und sich versprach und Haspel-Kaspel-Theater sagte was unser einmütiges ausdauerndes Gelächter provozierte. Letztlich ist Erziehergewalt Zeichen für die Abwesenheit echter Autorität.

    Und dass es ab der 8./9. aufwärts ging sehe ich auch so. Nicht nur, dass man im Alo „standesgemäss“ mehr Freiheiten bekam, man konnte sich zusätzliche weitere „erarbeiten“. Einer der Gründe warum ich mal Schülersprecher war, oder in Blacky’s Theatergruppe mitgespielt habe (das Alo war da „politisch“ dagegen und hat auch eine weitere Teilnahme nach dem ersten Stück verhindert) waren grössere Freiheiten durch grössere Nicht-Kontrollierbarkeit meines Tages durchs Alo. Sowas wie Kollegstufenfreiheiten vor der Kollegstufe & Kollegiatenzimmer.

    Thomas Schreck hat mich damals auf „Die Ursache. Eine Andeutung“, die Erinnerungen von Thomas Bernhard an seine Zeit in einem Salzburger Internat gebracht. U.a. zeigt Bernhard, dass die Hölle Internat unabhängig davon ist, ob im Sinne der NS-Ideologie oder im Sinne der kath. Kirche versucht wird, das Beste für die Internatszöglinge zu wollen. Das zum Abschluss, ich könnte noch länger ;-) Insbesondere zum dem seltsamen Thema Schönstatt…bin ich gemeint mit dem Gründer dieser Gruppe? Tatsächlich war die Zwiebel, mein damals bester Freund in Lohr dort Mitglied, und ich wurde es, weil die geile Zeltlager gemacht haben…der Rest ergab sich…
    Ah, und ich gestehe: ich bin der Delinquent auf dem Nikolausbild!

    1. Ja, die Verhaspler wenn er eigentlich sauer war waren herrlich!
      Ich wusste nicht mehr genau wer die Gruppe gegründet hat (und ob die Motivation dafür so bewusst war wie ich es in Erinnerung habe kann auch gut ein bisschen Verklärung sein), aber du warst auf jeden Fall von Beginn an dabei.
      Du warst für mich damals übrigens immer ein Vorbild, weil du dich nicht bei diesen ganzen Machoismen beteiligt hast und – in meiner Wahrnehmung – immer eine ganz klare und konsequente Integrität gezeigt hast. Ich habe das damals natürlich nicht so reflektiert, aber ich wußte schon, dass das etwas Beeindruckendes ist. Falls du mal in Köln bist würde ich mich freuen wenn du dich mal meldest.
      Und das Foto: ich habs so bearbeitet dass man niemanden wirklich erkennt. Hoffe das ist ok :)

      1. Oh, Danke für die Blumen, ich war tatsächlich auf alle gefasst, denn ich weiss nicht, wie friedlich und fair ich wirklich war. Sicher weiss ich, dass ich o.g. Geschichte mit dem Verhalti damals auch eher lustig fand, die detaillierte Zeitlupenbeschreibung des Ablaufs etc..
        Und Ihr habt mich ganz schön in’s Erinnern gebracht…was erst nach einiger Zeit kam (falls Ihr derlei im pod erwähnt habe ich da zu schnell weitergespult…):
        – Ihr ward doch beide ziemlich gute Zeichner, und habt Cartoons selber gemacht?! -> O.g. Thomas Bernhard Roman gibts auch als graphic novel.
        – Nicht nur das Rauchen, auch das Saufen war im Alo saueinfach. Meinen ersten Rausch hatte ich beim Alofest – soweit ich das erinnere. Und nach der Nikolausfeier ging man rüber zur Gaststätte Ihls, weil da die Ehemaligen wie Häcker und Co. gefeiert haben, nach Sperrstunde wurde auf dem Parkplatz vor der Glashütte weitergefeiert, mit sehr viel Alk, es war ja auch kalt. Einmal ist einer meiner Klassenkameraden schon 10+ Mins früher von da weg und als wir anderen nachkamen stand er in Unterhose vor dem Kollegiateneingang zum Alo…den Weg bis zum Alo hatte er mit dem Weg zu seinem Bett verwechselt und sich schon Mal nach und nach ausgezogen ;-)
        – und viele etc.s und pp.s

        Auch wenn derlei in der Erinnerung nett klingt habt Ihr den Titel hier richtig gewählt. Für mich ging zumindest in den unteren Klassen die Rechnung mit der Vermehrung der Möglichkeiten im Alo im Vergleich zu zu Hause nicht auf. Mein ganzes FischerTechnik @home sah ich nur mehr 14-tägig, zB….

  3. Das ist ja geil!!! Ich hab mich derzeit über euren Podcast gefreut!!! Brutal, was da für Erinnerungen zurückgekommen sind. Ich kann alles was ihr erzählt habt nur unterstreichen. Neu war mir allerdings, dass ich drei Jahr meiner Jugend in der DDR verbracht habe Aber stimmt alles! Die Parallelen sind extrem. Nach meinem Auszug aus dem Alo war ich nie wieder dort, ähnlich einem Republikflüchtig, der Angst vor seiner Vergangenheit hatte Jetzt gibt auch meine Berufswahl Sinn. Als Strafverteidiger versuche ich den Unrecht entgegenzuwirken… Also: auch wenn die Regierung eine Katastrophe war, wir waren das Volk und haben am Ende gesiegt☝Das Alo und die DDR besteht nur noch in der Erinnerung Lasst es Euch gutgehen
    Frank Häcker

    1. Eins muss ich aber noch klarstellen: ich hab den Text mit dem Handy geschrieben, was zu dem ein oder anderem Rechtschreibfehler geführt hat! Für die Rechtschreibfehler kann also der Käcker und die Fröhlich nichts

    2. Haha, ich lese da jetzt auch nicht wirklich Nostalgie raus. Das ist sehr erfrischend. Wir hatten beim Reden ja auch versucht, das klar zu machen dass wir da echt keinen Vertrag mehr mit haben, aber ich finds beruhigend, dass die meisten anderen auch gut da weg gekommen sind und nicht zu traumatisiert wirken :D

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